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Zum Jahr des Glaubens vom 11.10.2012 – 24.11.2013

Siehe annusfidei.va

(12)

Auch Blaise Pascals (Mathematiker; Philosoph) sog. "Mémorial" [1] (s.unten) dokumentiert eine »Berührung« durch die Wahrheit, von der im vorausgehenden Impuls (Jahr des Glaubens 11) die Rede war. Romano Guardini hat ihr in seinem Pascal Buch nachgespürt. [2] Erkenntnis gewinnt hier erstaunlicherweise eine Möglichkeit der Gewissheit, die jede bloss logische Sicherheit übersteigt. Hier steht eine Wahrheit sozusagen mit absoluter Evidenz da [3] und wird in einer bestimmten Hinsicht indiskutabel. [4] Mit anderen Worten: Ich weiss: Es ist so! Guardini nimmt dafür das Hereinspielen eines übernatürlichen Elementes von Gott her in Anspruch und setzt ein solches sogar für jede echte Erkenntnis, die den Namen verdient, voraus. Daraus zieht letztere seiner Meinung nach ihre Gewissheit. So schliesse ich meine Reihe zum Jahr des Glaubens mit dem Zeugnis aus Pascals Feder:

"Das Jahr der Gnade 1654
Montag, 23. November, Tag des heiligen Clemens, Papstes und Martyrers, und anderer im Martyrologium, Vigil des heiligen Chrysogonus, Martyrers, und anderer,
Von ungefähr zehn und ein’ halb’ Uhr am Abend bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht:

Feuer,
»Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs«,
nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewissheit. Gewissheit. Empfindung. Freude. Friede.
Gott Jesu Christi.
Deum meum et Deum vestrum. [5]
Dein Gott soll mein Gott sein. [6]
Vergessen der Welt und aller Dinge, ausgenommen Gott.
Er wird nur auf den Wegen gefunden, die im Evangelium gelehrt sind.
Grösse der menschlichen Seele.
»Gerechter Vater, die Welt hat Dich nicht erkannt, aber ich habe Dich erkannt.« [7]
Freude, Freude, Freude, Tränen der Freude.
Ich habe mich von ihm getrennt:
Dereliquerunt me fontem aquae vivae. [8]
»Mein Gott, wirst Du mich verlassen?« [9]
Möge ich nicht ewig von ihm getrennt werden.
»Dies ist das ewige Leben, dass sie Dich erkennen, den einzigen,
wahren Gott, und den Du gesandt hast, Jesus Christus.« [10]
Jesus Christus.
Ich habe mich von ihm getrennt; ich bin vor ihm geflohen, ich habe ihn verleugnet, gekreuzigt.
Möge ich nie von ihm getrennt sein.
Er wird nur auf den Wegen bewahrt, die im Evangelium gelehrt sind:
Vollkommene, innige Entsagung.
Vollkommene Unterwerfung unter Jesus Christus und unter meinen geistlichen Führer.
Ewig in der Freude für einen Tag der Plage auf Erden.
Non obliviscar sermones tuos. Amen." [11]


[1] Fischer deutet das Mémorial als Erfahrung des Pneuma, welche vor allem durch das Wort »Feuer« (erste Zeile!) wiedergegeben wird. Vgl. Fischer, Dorothee. Wort und Welt. Die Pneuma Theologie Guardinis als Beitrag zur Glaubensentdeckung und Glaubensbegleitung, (Praktische Theologie heute 12), Stuttgart Berlin Köln 1993, 244f.
[2] Guardini, Romano, Christliches Bewusstsein, Versuche über Pascal (4. Auflage; Erstveröffentlichung 1935), Mainz-Paderborn 1991.
[3] Vgl. Guardini, Romano, Religiöse Gestalten in Dostojewskijs Werk. Studien über den Glauben (7. Auflage; Erstveröffentlichung 1933), Mainz-Paderborn 1989, 120 (Die Vision Aljoschas nach dem Tod des Starez Sossima).
[4] Vgl. Guardini, Religion (1990), 81.
[5] Meinen Gott und Euren Gott. Joh 20,17.
[6] Ruth 1,16.
[7] Joh 17,25.
[8] Verlassen haben sie mich, die Quelle lebendigen Wassers. Jer 2,13.
[9] Mt 27,46.
[10] Joh 17,6.
[11] Ich werde Deine Worte nicht vergessen. Ps 28,16.


(11)

E. Schockenhoff schreibt (Moraltheologe/Freiburg im Breisgau):

"Es beruht daher auf einem Fehlschluss, wenn Fanatismus und Intoleranz als der Religion immanente Phänomene betrachtet werden, die sich aus der Idee einer Glaubensgemeinschaft und des religiösen Zusammenschlusses unter dem Anspruch der geoffenbarten Wahrheit notwendig ergeben. Vielmehr entspricht aller Fanatismus einer Reaktion der menschlichen Psyche auf elementare Bedrohungs- und Unsicherheitserlebnisse, die sich auf bestimmten Entwicklungsstufen religiöser Systeme mit diesen verbindet und somit als eine historisch kontingente Erscheinungsform der Religion angesehen werden kann."[1]

Barrieren gegen Entgleisungen dieser Art finden sich in der christlichen Offenbarung im Evangelium selbst (vgl. die Seligpreisungen und das Gebot der Feindesliebe) im Unterschied zu rein säkularen Weltauffassungen, deren Absolutheitsansprüche, wie die Ideologien des letzten Jahrhunderts gezeigt haben, ein ungeheures Unterdrückungspotential entfesselt haben und für Millionen von Menschen wie auch für die Kultur ganzer Völker vernichtend waren.[2] In einer systematisch-ethischen Analyse des christlichen Wahrheits-Verständnisses ergibt sich, dass es alle gewaltsamen Durchsetzungsformen – auch die psychologischen – ausschliesst und von sich aus nach moralischer, politischer und religiöser Toleranz ruft. Das Christentum hat diesbezüglich eine grosse Läuterung durchschritten, die anderen noch bevorsteht, die immer nur von der Inquisition oder den Kreuzzügen reden, nicht aber vom Totalitarismus der atheistischen Ideologien des letzten Jahrhunderts, die unvergleichlich mörderischer waren als die mittelalterlichen Entgleisungen, die hier in keiner Weise gerechtfertigt werden.

"Überzeugung" bringt zum Ausdruck, dass der Mensch das Zeugnis der Wahrheit vernommen und die Evidenz ihres Sinnes erfahren hat (in diesem Sinn »überzeugt« wurde). Überzeugung kann sich nur auf Wahrheit und ihre Gültigkeit beziehen.[3] Sie meint das "innere, personale Ergriffen- und Verpflichtetsein durch eine erkannte Wahrheit"[4] Als Edith Stein im Sommer 1921 ihre Freundin Dr. Hedwig Conrad-Martius besuchte, fiel ihr dort die Autobiographie der Teresa von Avila in die Hände. Sie las sie in der Nacht in einem Zuge durch und sagte sich dann beim Schliessen des Buches: "Das ist die Wahrheit!"[5] Sie und andere leidenschaftliche Wahrheitssucher fühlten sich von der Wahrheit Gottes auf eine ganz besondere Weise berührt und ergriffen. Ihre subjektiven Gewissheiten hat sie nicht zu Fanatikern und intoleranten »Fundamentalisten« (die Bezeichnung wird heutzutage inflationär gebraucht) gemacht, sondern mit Ehrfurcht und Dankbarkeit erfüllt und zur Hingabe, ja, zum Martyrium befähigt.

[1]Schockenhoff, Eberhard, Zur Lüge verdammt? Politik, Medien, Medizin, Justiz, Wissenschaft und die Ethik der Wahrheit, Freiburg-Basel-Wien 2000, 187.
[2] Vgl. dazu: Kolakowski, Leszek, Toleranz und Absolutheitsansprüche (Art.), in: CGG, 26, Freiburg-Basel-Wien 1980, 5-38.
[3] Vgl. Guardini, Romano, Pluralität und Entscheidung, in: Sorge um den Menschen, Bd. 1, Mainz-Paderborn 1988. 140. Vortrag zuerst unter dem Titel »Pluralismus und Entscheidung« vor dem Deutschen Volkshochschultag in Frankfurt am Main am 22.11.1961 (wegen Krankheit des Verfassers von Felix Messerschmid vorgetragen).
[4] Guardini, Ethik (2), 769/Anm. zu 17.
[5] Vgl. Guardini, Romano, Christliches Bewusstsein. Versuche über Pascal (4. Auflage; Erstveröffentlichung 1935), Mainz-Paderborn 1991. 158f; Sokrates (1987), 143.184.255f: Religion und Offenbarung (2. Auflage; Erstveröffentlichung: 1958), Mainz- Paderborn 1990, 80f. Vgl. die von Guardini kommentierte Bekehrung Madeleine Sémers in: Unterscheidung des Christlichen. Gesammelte Studien 1923 1963, Bd. 3, Mainz-Paderborn 1995, 141 176; hier: 154f.158.175f.. Eine solche Evidenzerfahrung spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Konversion Edith Steins. Als sie im Sommer 1921 ihre Freundin Dr. Hedwig Conrad-Martius besuchte, fiel ihr dort die Autobiographie der Teresa von Avila in die Hände. Sie las sie in der Nacht in einem Zuge durch und sagte sich dann beim Schließen des Buches: "Das ist die Wahrheit!" Ich zitiere das Ereignis hier im Wortlaut ihrer ersten Biographin Sr. Teresia Renata Posselt, Edith Stein. Lebensbild einer Philosophin und Karmelitin, Nürnberg 1948, 28.


(10)

Ein Gewissen haben

Es gehört zum Wesen einer Religion, dass man von ihr überzeugt ist. Sonst würde man ihr nicht anhangen und nicht für sie einstehen. In diesem Sinne verabsolutiert sich jede religiöse Weltanschauung, übrigens auch die atheistische! Jeder wählt jene, die ihm – hoffentlich bei der Ehre seines Gewissens - als die »beste«, »vernünftigste«, »sicherste« oder biblisch gesprochen die »von Gott offenbarte« erscheint. Mit Überzeugungen verbunden sind immer Wahrheitsansprüche, um die keiner herum kommt. Jeder neigt ja doch dazu, die eigene These für die Richtige zu halten, auch der Atheist oder Pluralist, die heute besonders missionarisch auftreten. Die Offenheit für Korrekturen an der eigenen Meinung gehört zum Wahrheitsethos. Ich erinnere an dieser Stelle an Sokrates. Er sagte: "Es ist nur schön, von etwas überzeugt zu sein, wenn es auch wahr ist" (Phaidon 91, a-c). Man kann also nicht von etwas überzeugt sein, das man nicht für richtig hält. Leider aber handeln Menschen oft gegen das, was sie im Tiefsten als richtig erkannt haben. Jedenfalls will niemand auf Illusionen oder Täuschungen sein Leben bauen, vor allem nicht im religiösen Sinn. Dass Religionen von sich überzeugt sind bzw. ihre Anhänger, sollte man ihnen nicht vorwerfen. Die Atheisten und Agnostiker, die sich gerne als nicht religiös oder religiös unmusikalisch (Habermas) bezeichnen, sind es ja auch. Mit welchem Ernst und mit welcher Lauterkeit ihre Überzeugungen gewonnen werden, und ob sie im Sinne eines echten Wahrheitsethos überhaupt den Namen »Überzeugung« bzw. "Gewissensentscheidung" verdienen, bleibt zu prüfen und steht auf einem anderen Blatt. Fanatismus hat jedenfalls dort seine Wurzeln. Mit den oben zitierten Worten bekräftigt Sokrates nicht nur seinen eigenen Willen zur Wahrheit (im Gegensatz zu seinen Gegnern); er macht indirekt auch deutlich, dass echte Überzeugungen Wahrheit zum Ausdruck bringen wollen. Ihre Erkenntnisbemühung kommt so lange nicht zur Ruhe, als die Unsicherheit in diesem Punkt andauert. Liebhabern der Wahrheit ist es recht, um der Wahrheit willen in den eigenen Ansichten und Absichten erschüttert zu werden. Saulus-Paulus ist ein wunderbares Beispiel dafür! Liebhaber der Wahrheit suchen die Differenzierung, die zum Charakter der Wahrheit gehört. Wahrheit ist differenziert! Der echte Wahrheitssucher kennt deshalb keine Schonung gegenüber sich selbst! Er übertreibt nicht. Er gibt der Wahrheit, einmal erkannt, die Ehre, lässt sie gelten, steht für sie ein, auch wenn es für ihn dabei "etwas ungemütlicher wird", um es vorsichtig auszudrücken. Über-zeugungen werden bei ihm nicht niedrigeren Interessen geopfert (vgl. Pilatus), z.B. aufgrund von Menschenfurcht oder übler Vorteilnahme. Deshalb meint Sokrates (Phaidon 91b-c): "Kümmert Euch wenig um Sokrates, dafür um so mehr um die Wahrheit. Und wenn Euch etwas, was ich sage, wahr scheint; dann stimmt mir zu; wenn aber nicht, dann widersteht mir auf alle Weise, damit ich in meinem Eifer nicht mich und Euch zugleich betrüge und, wie eine Biene den Stachel in Euch zurücklassend, von hinnen scheide." Eine Wahrheit, die an das Abslute rührt, das Gott selbst ist, wird vor allem durch das eigene Leben und seine unbestritten guten Früchte bezeugt. Ich erinnere an die Heiligen. Sie muss gar nicht bewiesen werden. Und selbst wenn sie es würde, würden ihr noch lange nicht alle Menschen folgen! Auch aus diesem Grund war Sokrates für Romano Guardini eine religiöse Figur. Gott ist nicht Gegenstand eines Beweisverfahrens, sonst wäre er ein Götze, ein Teil dieser Welt. Die Herrschaft über Andersdenkende aber beginnt nicht mit Glaubensüberzeugungen als solchen, zu denen ich auch die relativistische und die atheistische zähle, sondern mit der Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und dem äusseren Zwang gegen sie. Dazu gehören auch jene subtilen Formen von Intoleranz, welche die allgemeine Meinung bzw. die political correctness ausübt. Letztere verhindert, dass Menschen sagen, was sie denken. Davon war schon einmal die Rede in den vorausgehenden Impulsen zum Jahr des Glaubens. Echte Überzeugungen und Entschiedenheiten bekommen nur ohne Liebe und Demut, ohne Ehrfurcht vor dem Gewissen des anderen, den Charakter der Überheblichkeit, des Fanatismus, der Intoleranz und der Menschenverachtung. In der echten Wahrheitsliebe bedeuten sie vor allem Treue gegen das eigene Gewissen und ein Stehen vor Gott, das nicht selten zum Einstehen für Gott wird, auch dort, wo es weh tut. "Wenn ich protestiert oder kritisiert habe, dann doch nur, weil es mir um die WAHRHEIT an der Sache ging." Ulrich Schacht (1951. Bürgerrechtler). Er sagt auch, dass ein "Gewissen haben" bedeutet, "sich dort die Freiheit zu nehmen, wo keine mehr ist." Das hat mit Gott zu tun, ob man es deklariert oder nicht.


(9)

Echte Überzeugungen und Toleranz

"Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes!" Joh 6,69. Die Apostel sahen sich mit einer Botschaft betraut, von der sie unmöglich schweigen konnten (vgl. Apg 4,20). Keiner hat sie mit Gewalt durchgesetzt, vielmehr für das Evangelium Unsägliches, ja den Tod, erlitten.

Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Um von allem andern zu schweigen, weise ich noch auf den täglichen Andrang zu mir und die Sorge für alle Gemeinden hin. Wer leidet unter seiner Schwachheit, ohne dass ich mit ihm leide? Wer kommt zu Fall, ohne dass ich von Sorge verzehrt werde?" 2 Kor 11,26-29.

Ich erinnere auch an den hl. Stephanus, den ersten Blutzeugen der Kirche (vgl. Apg 7,59). Paulus suchte seine Zuhörer auf der Basis einer freien Zustimmung für seine Botschaft zu gewinnen und hat dafür auch Schmach und Verfolgung in Kauf genommen (vgl. Apg 17,22ff). Wie das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen zeigt, können Geltungsansprüche ohne Abstriche ( "Das Heil kommt von den Juden" Joh. 4,22) mit Dialogfähigkeit und Respekt gegenüber dem anderen Denken zusammen bestehen. Dieses Gespräch zeigt bei aller Behutsamkeit, das eigene Gegenüber zu einer tieferen Einsicht zu bewegen, dass es nicht einerlei ist, mit wem oder mit welchem Glauben man es in der Auseinandersetzung mit einem religiösen Anspruch zu tun hat: "Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben." (Joh 4,10) Im Vergleich mit dieser Erkenntnis hat Paulus dann auch alles dahingegeben: "Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen." (Phil 3,8) Man denkt unweigerlich an das Gleichnis Jesu: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker." Mt 13,44. Das Johannesevangelium sieht in der Erkenntnis Christi das ewige Leben schlechthin: "Das ist das ewige Leben: Dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den Du gesandt hast." Joh 17,3. Wie aber soll man Ihn erkennen, wenn ihn niemand verkündet, die rhetorische Frage des Apostels (vgl. Röm 10,14)?


(8)
Um religiöse Standpunkte miteinander zu versöhnen oder alle gleichzeitig zu relativieren werden auch banale (Pseudo-) Weisheiten bemüht, zu denen ich auch die folgende zähle:

"DER INTERRELIGIÖSE MARKT DER RELIGIONEN"

Mein Freund, und ich sind auf den Markt gegangen.
Auf den internationalen Markt der Religionen.
Kein Handelsmarkt. Ein Markt der Religionen.
Aber die Konkurrenz war mindestens so hart.
Und die Propaganda ebenso lärmig.
Am Stand der Hebräer gab man uns Prospekte,
Die sagten, dass Gott voller Erbarmen sei,
Und dass das jüdische Volk sein auserwähltes Volk sei,
Kein anderes Volk sei in der Art auserwählt, wie das jüdische Volk.

Am Stand der Muslime erfuhren wir, dass Gott barmherzig sei,
Und dass Mohammed sein einziger Prophet sei.
Das Heil werde nur demjenigen zuteil,
Der auf den einzigen Propheten Gottes höre.

Am Stand der Christen entdeckten wir, dass Gott Liebe sei,
Und dass ausserhalb seiner Kirche kein Heil sei.
Tritt in die Kirche ein, oder Du riskierst die ewige Verdammnis.

Während wir uns entfernten, fragte ich meinen Freund:
"Was hältst du von Gott?" Er antwortete mir:
"er ist scheinheilig, fanatisch und grausam."
Zu Hause angekommen sagte ich zu Gott:
"Warum veranstaltest du ein derartiges Theater, Herr?
Merkst du nicht, dass das seit Jahrhunderten Deinen guten Ruf verdirbt?"

Gott antwortete:
"Nicht ich habe den Markt organisiert.
Ich würde mich schämen, ihn zu besuchen." [1]

Lessing lässt grüssen! Das ist genau die Art religiöser Klitterung, die mir – ich gestehe es – auf die Nerven geht, auch wenn sie von Anthony de Mello stammt und prima facie plausibel erscheint. Sein Gleichnis widerspricht der Aussage Jesu, dass das Heil von den Juden kommt (Joh 4,22). Es widerspricht auch dem von Jesus selbst eingeführten Bild des Kaufmanns und der besonders kostbaren Perle, die er ja gerade auf dem Markt erworben hat. Christlicher Glaube sagt explizit: Gott hat diese Welt – den "Markt" – besucht und ist uns in Christus erschienen. Nun steht er da mit den Worten: "Ich bin es!" (vgl. Mk 6,50.13,6.14,62; Lk 22,70; Joh 8,18.8,24.28) – "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" (Joh 14,6)! "Ich bin die Tür!" "Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden." (Joh 10,9). Alle anderen vor (und auch nach) ihm sind Diebe und Räuber! (vgl. Joh 10,8)

Interkulturell gesehen ist das Evangelium Salz der Erde und Licht der Welt. Es zeigt etwas, das sonst nicht gesehen werden kann, und es würzt etwas, dem sonst die Würze fehlt. Es ist in diesem Sinn Religions- und Kulturkritik, inkulturiert sich aber in die Kontexte der Welt, kultiviert und humanisiert sie. [2] Dabei übernimmt, wie gesagt, die Kirche die Rolle einer Mystagogin, die Objektivität und Verbindlichkeit vermittelt und über die Auslegung des Evangeliums wacht. Wer sonst? [3] Da das Wort des transzendenten Gottes, die Offenbarung, ein aus der Welt zwar unableitbares, aber doch geschichtlich vermitteltes Wort bleibt, bildet in diesem Vorgang die Autorität der Kirche ein "konstituierendes Element im religiösen Verhalten" [4]. Sie ist nach Guardini "einfachhin die Weise, wie die Wahrheit der Offenbarung zu mir kommt; und auf sie antwortet nicht die autonome Einsicht, sondern der Glaube." [5] Gemeint ist der Glaube der Kirche.

[1] A. de Mello. Le chant des oiseaux. Fragments de sagesses dans les grandes religions, Bethlehem, 12/1991.
[2] Vgl. albanische Blutrache.
[3] Vgl. Protestantismus; Islam etc., in denen es keine Instanz gibt, die verbindlich für alle sprechen könnte.
[4] Guardini, Romano, Ethik. Vorlesungen an der Universität München (1950 1962); aus dem Nachlaß hrsg. v. Hans Mercker (unter Mitarbeit von Martin Marschall), 2 Bde, Mainz-Paderborn 1993 [zit. Ehtik (1); Ethik (2)]; hier: Ethik (1), 325 (2-15).
[5] Guardini, Ethik (1), 325 (20-22).


(7)
Liebe Jugendliche, Morgen beginnt das Jahr des Glaubens: mein heutiger Beitrag ist deshalb etwas länger. Nehmt Euch die Zeit, ihn aufmerksam zu lesen! Herzlich Euer Jubi +Marian

Zum Begriff der Offenbarung (vgl. Vat II: Dei Verbum)

Wir meinen nicht alle das Gleiche, wo wir von Gott reden oder ihn zu erfahren glauben! Und ich glaube auch nicht, dass wir dabei alle in die gleiche Richtung gehen, wie im inter-religiösen Dialog gerne angenommen wird. Auch bin ich nicht davon überzeugt, dass die grossen Religionen der Welt nur verschiedene Spielarten der Selbstmitteilung Gottes sind. Die Widersprüche sind zu offensichtlich. Etwas vereinfacht gesagt: Es kann nicht sein, dass der verborgene, unbekannte Gott (vgl. Paulus auf dem Areopag in Athen) sich in Seinem Sohn Jesus Christus offenbart, wie die Christen glauben (vgl. die Verkündigungsgeschichte des Lukasevangeliums und das Selbstverständnis Jesu), und dann 500 Jahre später (angeblich durch denselben Engel Gabriel) durch einen anderen Propheten, wie die Muslime glauben, ausrichten lässt: Gott hat keinen Sohn! Muslime akzeptieren deshalb Jesus nicht als Sohn Gottes. Schon allein aufgrund solcher offensichtlicher Widersprüche – um nur einen beim Namen zu nennen – kann es nicht derselbe Geist Gottes sein, der da redet und sich in den verschiedenen Religionen angeblich nur auf verschiedene Weise "offenbart".

Aus christlicher Sicht stellt sich die Frage: Kann man, nachdem die Menschwerdung Gottes geschehen ist, unterschiedslos den Begriff der Offenbarung auf alle Religionen übertragen, ohne dabei das qualitativ Unvergleichliche und Unerhörte zu verlieren, das mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus nach einem langen heilsgeschichtlichen Prozess in die Geschichte eingetreten ist? Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist – und davon sind wir Christen überzeugt – dann ist Jesus absolut einzigartig und exklusiv die wahre Türe zum Geheimnis Gottes, die kostbare Perle. Und genau das hat Er auch behauptet: "ICH bin die Tür. Wer durch Mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden." Joh 10,9. Er spricht in diesem Kontext sogar von "Dieben" und meint damit die anderen Prätendenten der Heilsvermittlung.

Eine weitere Frage, die daraus folgt: Gibt es irgendetwas auf der Welt, das mit der hl. Eucharistie vergleichbar wäre, sobald man von ihr als einer Tat-Sache (Gottes) ausgeht? "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm!" Joh 6,56. Wenn das wahr ist – und wir Christen sind davon überzeugt – dann ändert sich für mich doch alles, wirklich alles! Wir stehen im "Jahr des Glaubens". Hinter uns liegt eine Weltbischofssynode zur Neuevangelisierung. Was ist aus dem christlichen Europa geworden? In der Geheimen Offenbarung des Johannes hört die Gemeinde von Sardes den Vorwurf: "Du lebst dem Namen nach und bist doch tot! Offb 3,1. Und der Gemeinde von Laodizea rät Er: "Kauf Gold von mir, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst; und weisse Gewänder und zieh sie an, damit die Schande deiner Nacktheit nicht offenkundig wird; und Salbe zum Bestreichen deiner Augen, damit du sehen kannst. Alle, die Ich liebe, weise Ich zurecht und nehme Ich in Zucht. Sei also eifrig und kehr um! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer Meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde Ich einkehren und Mahl mit ihm halten und er mit Mir. Wer siegt, dem werde ich gewähren, mit Mir auf Meinem Thron zu sitzen, wie auch Ich gesiegt und Mich zu Meinem VATER auf Seinen Thron gesetzt habe. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!" Offb 3,18-22.

Das eigentlich Christliche ist nach Romano Guardini nicht begrifflich zu fassen, sondern muss an der Person Jesu Christi »abgeschaut« bzw. »abgelesen« werden. Es ist untrennbar mit ihr verbunden. "Das Christliche, das ist Jesus Christus." (Romano Guardini). Es ist aufgrund der Verheissungen Jesu davon auszugehen, dass die die Kirche Ihn kennt, weil Er ihr Seinen Geist eingehaucht hat, der sie an alles erinnert und sie in die volle Wahrheit hineinführt. Wer Christus in Wahrheit ist, kann deshalb nur die Kirche sagen. Diese Lehre hat das Konzil klar bekräftigt:

"Unter den hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe hat die Verkündigung des Evangeliums einen hervorragenden Platz. Denn die Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen; sie sind authentische, das heisst mit der Autorität Christi ausgerüstete Lehrer. Sie verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben und zur Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen Geistes, indem sie aus dem Schatz der Offenbarung Neues und Altes vorbringen (vgl. Mt 13,52). So lassen sie den Glauben fruchtbar werden und halten die ihrer Herde drohenden Irrtümer wachsam fern (vgl. 2 Tim 4,1-4). Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen. Dieser religiöse Gehorsam des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu leisten; nämlich so, dass sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, entsprechend der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht." Kirchenkonstitution Lumen gentium 25.

Nach Guardini ist deshalb im Prozess der Selbstoffenbarung Gottes die Kirche die in der Zeit stehende und durch Christus selbst eingesetzte "Hüterin Seines Bildes" gegenüber selbstgestrickten, subjektiven, persönlichen und kulturellen Vereinnahmungen und Verunstaltungen. Religiöse Phänomene und ihre kulturellen Ausdrucksgestalten sind bekanntlich heterogene Gebilde, deren Niveau-Unterschiede im interreligiösen Dialog meist nobel übergangen werden. Sie haben weder alle die gleiche Quelle noch führen sie ohne Weiteres zu dieser Quelle zurück, die wir Gott nennen. Es braucht deshalb Religionskritik. Die vom Konzil angemahnte Achtung vor den "Elementen der Wahrheit", die sich in allen Religionen finden, darf nicht auf Kosten der Einzigartigkeit Jesu gehen oder Ihn gar verleugnen, nur um keinen der Dialogpartner in seiner eigenen Befindlichkeit zu vergrämen. Das bedeutet, dass das Evangelium für jede Kultur und jede andere Religion als der christlichen eine von Gott selbst ins Spiel gebrachte Herausforderung bleibt, vielleicht sogar ein an ihren eigenen religiösen Traditionen gemessenes Ärgernis oder schlichtweg Torheit (vgl. 1 Kor 1-2). "Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch Ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." Lk 2,34f. Als Seine Zeugen müssen wir dieses Ärgernis aushalten und auf uns nehmen, ja sogar bereit sein zu einem Lebenszeugnis, wie Papst Benedikt in seinen Predigten immer wieder betont. Das können nur Zeugen, die innerlich brennen! (Vgl. Ansprache von Papst Benedikt zur Eröffnung der Bischofssynode zur Neuevangelisierung). Es gibt keine "Version Light" von Mission.

Aus christlicher Sicht stellt sich die Frage: Kann man, nachdem die Menschwerdung Gottes geschehen ist, unterschiedslos den Begriff der Offenbarung auf alle Religionen übertragen, ohne dabei das qualitativ Unvergleichliche und Unerhörte zu verlieren, das mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus nach einem langen heilsgeschichtlichen Prozess in die Geschichte eingetreten ist? Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist – und davon sind wir Christen überzeugt – dann ist Jesus absolut einzigartig und exklusiv die wahre Türe zum Geheimnis Gottes. Genau das hat Er behauptet: "ICH bin die Tür. Wer durch Mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden." Joh 10,9.

Eine weitere Frage, die daraus folgt: Gibt es irgendetwas auf der Welt, das mit der hl. Eucharistie vergleichbar wäre, sobald man von ihr als einer Tat-Sache (Gottes) ausgeht? "Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird!" "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm!" Wenn das wahr ist – und wir Christen sind davon überzeugt – dann ändert sich für mich doch alles, wirklich alles! Was für lau gewordene Christen sind wir! Was ist aus dem sogenannten christlichen Europa geworden? "Du lebst dem Namen nach und bist doch tot! Offb 3,1. "Alle, die Ich liebe, weise Ich zurecht und nehme Ich in Zucht. Sei also eifrig und kehr um! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer Meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde Ich einkehren und Mahl mit ihm halten und er mit Mir. Wer siegt, dem werde ich gewähren, mit Mir auf Meinem Thron zu sitzen, wie auch Ich gesiegt und Mich zu Meinem VATER auf Seinen Thron gesetzt habe. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!" Offb 3,19-22.

Und welche Rolle spielt die Kirche in diesem Prozess der Selbstoffenbarung Gottes? Und zwar als die von Christus eingesetzte "Hüterin Seines Bildes" (Romano Guardini) gegenüber selbstgestrickten, subjektiven, persönlichen und kulturellen Vereinnahmungen und Verunstaltungen? Das eigentlich Christliche ist ja nicht in erster Linie begrifflich zu fassen, sondern muss an der Person Jesu Christi »abgeschaut« bzw. »abgelesen« werden. Es ist untrennbar mit ihr verbunden. "Das Christliche, das ist Jesus Christus." (Romano Guardini). Aber nur die Kirche kennt Christus, weil Er ihr Seinen Geist gegeben hat, der sie an alles erinnert und sie in die volle Wahrheit hineinführt. Wer Christus in Wahrheit ist, kann also nur das Lehramt der Kirche sagen. Das sind die Bischöfe in ihrer vollen Einheit mit dem Papst. Diese Lehre hat das Konzil unmissverständlich bekräftigt:

"Unter den hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe hat die Verkündigung des Evangeliums einen hervorragenden Platz. Denn die Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen; sie sind authentische, das heisst mit der Autorität Christi ausgerüstete Lehrer. Sie verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben und zur Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen Geistes, indem sie aus dem Schatz der Offenbarung Neues und Altes vorbringen (vgl. Mt 13,52). So lassen sie den Glauben fruchtbar werden und halten die ihrer Herde drohenden Irrtümer wachsam fern (vgl. 2 Tim 4,1-4). Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen. Dieser religiöse Gehorsam des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu leisten; nämlich so, dass sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, entsprechend der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht." Kirchenkonstitution Lumen gentium 25.

Religiöse Phänomene und ihre kulturellen Ausdrucksgestalten sind heterogene Gebilde, deren Niveau-Unterschiede im interreligiösen Dialog meist nobel übergangen werden. Sie haben weder alle die gleiche Quelle noch führen sie ohne Weiteres zu dieser Quelle zurück, die wir Gott nennen. Die Achtung vor den Elementen der Wahrheit, die sich in allen Religionen finden, darf nicht auf Kosten der Einzigartigkeit Jesu gehen und Ihn gar verleugnen, nur um keinen der Dialogpartner in seiner eigenen Befindlichkeit zu beirren, herauszufordern oder zu kränken. Das bedeutet, dass das Evangelium für jede Kultur und jede andere Religion als die christliche eine Herausforderung bleibt, vielleicht sogar ein an ihren eigenen religiösen Traditionen gemessenes Ärgernis. "Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch Ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar weren. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." Lk 2,34f. Als Seine Zeugen müssen wir dieses Ärgernis aushalten und auf uns nehmen, ja sogar bereit sein zu einem Zeugnis bis zur Hingabe des Lebens, wie Papst Benedikt immer wieder betont. Das können nur Zeugen, die innerlich brennen! (Vgl. Ansprache von Papst Benedikt zur Eröffnung der Bischofssynode zur Neuevangelisierung).

 


(6)
Im Gesamt der Weltreligionen sind die Christen eine respektable Minderheit. Beim gegenwärtigen Wachstum der Weltbevölkerung nimmt ihr Prozentsatz im Vergleich ständig ab. Rund 70% der Menschheit müssen ausserhalb einer christlichen Kirche zu Gott finden. Ebenso viele sind in den neuen Bundesländern nicht getauft oder an Kirche und Glauben nicht interessiert. Gleichzeitig haben wir es heute mit einem unübersehbaren Angebot von Weltanschauungen zu tun. Das Bedürfnis nach mystischer Erfahrung wird meistens nicht in den traditionellen Kirchen gestillt. Warum? Das Abdriften der Getauften in neuheidnische Kulte, esoterische oder okkulte Praktiken, die Vermischung christlicher Glaubensinhalte mit fernöstlichen Heilslehren (der Verlust des Unterscheidend‑Christlichen), die Lauheit und Ignoranz vieler Getauften haben in unseren Ländern eine Situation geschaffen, die eine Neuevangelisierung notwendig und dringlich erscheinen lässt. Es kann weder in dieser Hinsicht noch im Blick auf die globalen Verhältnisse davon die Rede sein, dass Mission als Gebot der Stunde an Aktualität verloren hätte und durch unsere Zeit nicht gefordert wäre. Wie weit haben Christen sich dem Denken der "Welt" im johanneischen Sinn angeglichen? Sind wir von der Unvergleichlichkeit der Gestalt Christi noch überzeugt? Stehen wir hinter der Verheissung Christi: "Ihr seid das Licht der Welt"? Sind Christen heute noch überzeugt, dass das Evangelium (auch im Sinne echter Kulturkritik) jeden Einzelnen und jedes Volk zu sich selbst befreit, ihm nichts Fremdes überstülpt und deshalb auch nicht wirklich einer Rechtfertigung durch die die Verkündigung begleitenden Hilfeleistungen im sozalpädagogischen, medizinischen und ökonomischen Bereich bedarf? Ich sehe hier einmal von der Selbstverständlichkeit ab, dass jeder echte Glaube als solcher sich in guten Werken erweist. Der universale Missionsbefehl ist nicht unsere Erfindung, auch nicht nur eine Angelegenheit der hierfür spezialisierten Kongregationen, sondern gehört zum Wesensverständnis der Kirche. Sie versteht sich als das universale Heilssakrament und damit als die Trägerin der Erlösung und der Wahrheit in Christus für alle Menschen (Lumen gentium 2.8.13‑17; Ad gentes 2‑9). Die Religionen sieht das Konzil in ihrer Bedeutung als Vorbereitung auf das Evangelium (Lumen gentium 16).

Am 11. Oktober jährt sich zum 50. Mal die feierliche Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Weitere Infos hier...


(5)
Die Einheit der Religionen kann meines Erachtens nicht erreicht werden durch die Einebnung ihrer Wahrheitsansprüche und damit ihrer Gegensätze und Widersprüche. Damit würde man die Religionen in dem, was sie zu sagen haben, nicht mehr wirklich ernst nehmen. Bleiben wir auf der Hut vor einer Wahrheit, die nichts kostet und niemanden zwingt, ihr auch nur das Geringste zum Opfer zu bringen! Eine solche verkündet der menschfreundlich und sympathisch wirkende Antichrist bei Solowjew. Die Einsicht, dass der Mensch, der zur Wahrheit und in der Wahrheit zum wahren Selbst finden will, sich hergeben muss, wurde dem Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini in einer Art innerer Bekehrung in jungen Jahren zur Einsicht schlechthin seines Lebens. Eine Wahrheit, die jedem erlaubt, ohne Umkehr des Denkens und des Herzens alles und jedes nur unter seinem privaten, persönlichen Gesichtswinkel zu betrachten, ohne dass es für ihn "etwas ungemütlicher wird" in dieser Welt, ist keine Wahrheit, jedenfalls nicht die christliche, die man offensichtlich auf jede nur erdenkliche Weise schmähen und beleidigen darf im Unterschied zur jüdischen oder islamischen. Das hat der greise Simeon in aller Deutlichkeit vorausgesehen: "Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." Lk 2,34f. Das Bekenntnis zu Ihm erfordert auch die Bereitschaft zum Martyrium. Das beginnt im Alltag mit dem "Dumm dastehen" und "verächtlich gemacht Werden", weil wir zu Ihm gehören und uns zu Ihm und Seiner Kirche bekennen.


(4)

Die Bedeutung der Wahrheitsfrage und die Widerbelebung des Missionarischen

"Wie Mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch." Joh 20,21. – Eine Gesellschaft, die mit ihren eigenen Glaubenstraditionen nichts mehr anzufangen weiss und nur noch selektiv (zu Taufe, Hochzeit und Begräbnis) am kirchlichen Leben (und auch hier mehr in der Rolle des Zuschauers) teilnimmt, entwickelt keinen missionarischen Eifer. Wem Christus im Endeffekt zu wenig oder nichts mehr bedeutet, kann nicht sein Zeuge sein. Um so offensiver und missionarischer sind die Aktivitäten der Sekten (heute sogar ein sicherheitspolitisches Thema wie im Fall von Scientology), und um so grösser wird die Anfälligkeit unserer subjektivistischen Gesellschaft für diffuse, okkulte und esoterische Praktiken. Ein Blick in die Geschichte der Religionen zeigt, dass es überall die Gefahr der Verkrümmung und Entartung des Religiösen gibt. In diesem Sinne "führen nicht alle Wege nach Rom" bzw. zu Gott. Der Dialog der Religionen und eine vom eigenen Wahrheitsgewissen her sich ergebende Religionskritik wird auch in dieser Hinsicht nicht auf die Wahrheitsfrage verzichten. Sie bleibt die Voraussetzung eines auch durch die Vernunft ausgewiesenen Glaubens gegenüber einem religiösen Gebaren der Unvernunft und der Gewalt! Vor der Wahrheitsfrage fällt auch die Entscheidung, ob man überhaupt noch etwas zu sagen hat, wofür es sich auch zu sterben lohnt. Das zeigen unsere Märtyrer, die ich in aller Entschiedenheit abgrenzen möchte gegenüber muslimischen Selbstmordattentätern, nach islamistischer Sprachregelung "Märtyrer" genannt, die im Namen ihrer "Wahrheit" exzessive Gewalt gegen Unschuldige ausüben und nicht wie christliche Märtyrer unschuldig Gewalt erleiden zum (Wahrheits- und Liebes-) Zeugnis gegen ihre Bedränger. Und was wäre ein Sokrates ‑ selbst ein Meister des Dialogs ‑ ohne den bis in den Tod hinein durchgehaltenen Geltungsanspruch seines Wahrheitsgewissens? Christus ist nach seinem eigenen Bekenntnis vor Pilatus "dazu geboren und dazu in die Welt gekommen", daß er "für die Wahrheit Zeugnis ablege". "Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme", behauptet er gegenüber seinen menschlichen Richtern. Joh 18,37. Und genau an dieser Stelle formuliert Pilatus – gut postmodern - sein relativistisches, skeptisches Credo "Was ist Wahrheit?" und opfert eben diese seinen opportunistischen, politischen Interessen. So ergeht es ihr immer wieder.


(3)
Selbstverständlich ist jede Erkenntnis subjektiv, geschichtlich und kontextgebunden. Sie ist auch relativ, indem sie sich auf andere Einsichten bezieht und durch diese eventuell aufgerundet oder korrigiert wird. Diese Relativität bedeutet aber nicht, dass etwas gleichzeitig sein bzw. zutreffen ‑ und nicht sein bzw. nicht zutreffen kann (Satz vom Widerspruch). Und genau mit diesem Satz beginnt das Ringen der Vernunft um Wahrheit. Bei diesem Suchen und Finden (!) kann sogar – vor allem in religiöser Hinsicht - eine erstaunliche subjektive Gewissheit erreicht werden (vgl. das Messiasbekenntnis des Petrus in Mt 16,13‑20). Wir werden auf diesen Punkt später zurückkommen.

Wahrheit erschliesst sich also im Modus des gemeinsamen Suchens und insofern im Modus des Dialogs. Es ist aber ein Irrtum, zu glauben, dass ein solidarisches und friedliches Miteinander der Religionen wie auch der Dialog unter ihnen - "auf gleicher Augenhöhe", wie manche sagen - die Relativierung ihrer Wahrheitsansprüche zur Voraussetzung hätte: Dass also eine Unvereinbarkeit bestehe zwischen der Behauptung und Verkündigung absoluter Wahrheiten und den modernen Wertbegriffen der Toleranz, des Dialogs und der Freiheit (Demokratie). Das hiesse ja, man dürfte in der persönlichen Suche nach der Wahrheit zu keinen echten (Glaubens‑) Überzeugungen (vgl. Röm 14,23) gelangen. Für Paulus war Christus zweifellos die Wahrheit. Diese Überzeugung weckte in ihm eine heilige Getriebenheit (vgl. 1 Kor 9,16), die ihn zu einer übermenschlichen missionarischen Anstrengung befähigte. Für den religiösen Dialog von Menschen wie Paulus zu fordern, ihre Wahrheitsansprüche und damit ihr Bekenntnis zu relativieren oder aufzugeben, wäre doch Unsinn. Sie sind davon überzeugt, dass es nicht gleichgültig bleibt, ob man Christus erkennt oder nicht; ja, dass das »Sein in Christus« uns eine Möglichkeit der Gotteserkenntnis eröffnet, die als unvergleichliche Gnade erlebt wird, an der man auch anderen Anteil schenken möchte. "Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen." Joh 20, 30f.


(2)
Wir kommen zur Sache. "Ich bin gegen Mission" titelt eine Beitrag in einer Ausgabe von Kontinente(1) der Missions-Benediktinerinnen von Tutzing. Die Aussage gibt die Meinung des 82-jährigen Ernesto Cardenal wieder, der sich als Anhänger eines religiösen Pluralismus versteht. Keine Religion soll sich über eine andere stellen oder anderen Völkern ihre Religion nehmen (eine Unterstellung!). "Denn alle Religionen tragen eine Wahrheit in sich, wenn auch in unterschiedlichem Mass und die eine mehr als die andere. In diesem Sinn sind alle Religionen Wege zu Gott."(2) Aber genau an diesem Punkt wird Cardenal – genau besehen - selbstwidersprüchlich. Der Auftrag des Herrn, allen Völkern das Evangelium zu verkünden und sie zu seinen Jüngern zu machen (Mt 28,18 20; Mk 16,15f; Lk 24,46f; Joh 20,21; Apg 1,8) bleibt ausgeblendet. Viele Menschen anerkennen die Berechtigung von Entwicklungshilfe, nicht aber die Notwendigkeit christlicher Mission, die sie dezidiert ablehnen. Religiöser Individualismus und multikultureller Pluralismus, die ipso facto relativistisch sind, haben eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen, die sich durch eine grosse Allergie und Animosität gegenüber Wahrheitsansprüchen auszeichnet. Die Überzeugung, dass alle Religionen nur verschiedene Wege zum gleichen Ziel sind, ist weit verbreitet. Es soll keine Religion mehr geben, die von sich behauptet, im Besitz der (angeblich »gepachteten«) Wahrheit zu sein. Der religiöse Pluralismus widersetzt sich jeder »Ideologie«, die als die »allein gültige« oder »allein seligmachende« allen Menschen – wieder eine Unterstellung - »aufgezwungen« werden soll. Akzeptiert wird eine Haltung, die den Menschen helfen, aber sie nicht »bekehren« will. "Mission" erscheint hier als eine Form der Anmassung und des Stolzes. Sie gilt gegenüber fremden Kulturen als destruktiv und imperialistisch.

"Der einzelne Gläubige darf seine eigene Religion zwar lieben und sein subjektives Überzeugtsein ausdrücken, nicht aber behaupten, er habe die absolute Wahrheit, der sich jeder Mensch beugen müsse. Letzteres wäre eine Form der Vereinnahmung, die im Namen von Freiheit und Menschenwürde zurückzuweisen ist. »Die zentrale Überzeugung der pluralistischen Hypothese besteht also darin, religiöse Rede über die absolute Wirklichkeit als Rede über unsere Erfahrung mit dieser Wirklichkeit zu verstehen und sie darauf zu beschränken«."(3)

Eine der führenden Vordenkerinnen feministischer Theologie, Rosemary R. Ruether stuft die universalistische Konzeption des Christentums, die »Mission« erfordere, um die »frohe Botschaft« zu verbreiten, als reinen »Imperialismus« ein. Auch christliche Theologen stellen heute Christus mit anderen Heilsmittlern wieder in eine Reihe (vgl. die »Christologie« des amerikanischen Presbyters J. Hick). Der Absolutheitsanspruch Jesu ist für ihre Theologie "ein zentrales Problem"(4) und bedarf nach ihrer Ansicht im Kontext der anderen Visionen göttlicher Wirklichkeit, sogenannter Gottesahnungen, einer neuen Bewertung. Ein Vertreter dieser Konzeption ist auch Perry Schmidt-Leukel(5). Der dem Sendungsbefehl bzw. Missionsgedanken zugrunde liegende Absolutheits-anspruch Jesu wird wieder zum grossen Ärgernis: "Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit." (1 Kor 1,23) Deshalb sollte in den letzten Jahrzehnten der Missionsbegriff durch die mit weniger »Negativ Frachten« beladene Idee der Partnerschaft und des Dialogs (der Religionen) ersetzt werden. »Dialog« aber als Inbegriff eines relativistischen Credo’s, das von vornherein und prinzipiell keinem Mitredenden die Möglichkeit einer tieferen Einsicht in die Wahrheit zugesteht als dem anderen, macht genau diesen Dialog überflüssig und sinnlos. Er bedeutet das Ende der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit, auch der religiösen! Sokrates meint im Phaidon (91, a-c): "Es ist nur schön, von etwas überzeugt zu sein, wenn es auch wahr ist!"(6). Ja, es stellt sich die Frage: Kann man überhaupt einer Religion anhangen, von deren Wahrheit (ja Vorzüglichkeit), man nicht wirklich überzeugt ist (denn sonst müsste man sie ja ehrlicherweise aufgeben oder wechseln)? Dialog und Verkündigung sind selbstverständlich aufeinander bezogen und in diesem Sinne gar keine echten Alternativen (vgl. Dokument des päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog vom 19. Mai 1991). Der Dialog schliesst das Glaubenszeugnis ein, die Verkündigung setzt den Dialog voraus. Das Werk der Überzeugung aber wirkt Gott allein. Von ihm stammt der Erweis von Geist und Kraft, der unserer Überredungskünste und Manipulationen nicht bedarf. "Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes."(1 Kor 2,4).

Für den amerikanischen Theologen J. Neusner ist die Konfrontation (und Respektierung) der miteinander ins Gespräch zu bringenden Wahrheitsansprüche geradezu die Form der Liebe im interreligiösen Dialog. Die Bedeutung füreinander und das gegenseitige Sich-Ernst-Nehmen zeigt sich nach ihm vor allem in der Bereitschaft, aufeinander zu hören und sich gegenseitig ernsthaft zu prüfen, einander aber auch das Resultat dieser Prüfung und Infragestellung (!) aus der je eignen Sicht nicht vorzuenthalten. Gerade das bringt in Wirklichkeit den gegenseitigen Respekt vor dem Glauben bzw. Wahrheitsgewissen des anderen zum Ausdruck: "Denn um zu streiten, müssen wir uns gegenseitig ernst nehmen. Einen Dialog gibt es nur, wenn wir sowohl uns selbst als auch den anderen achten(7)." Die Auflösung bleibender Gegensätze in postmoderne Beliebigkeit à la »meine Wahrheit deine Wahrheit« könne deshalb auch als eine Form der Missachtung und Herabwürdigung des anderen verstanden werden. Mit anderen Worten: Man nimmt ihn gar nicht wirklich ernst mit seinen Überzeugungen und in seinem Verhältnis zur Wahrheit, die zu suchen jeder in seinem Gewissen verpflichtet ist. "Das ist recht und gefällt Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit, als dessen Verkünder und Apostel ich eingesetzt wurde - ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit." (1Tim 2,3-7)

(1) Konitnente. Das Magazin der Missions-Benediktinerinnen von Tutzing, Nr. 2 (März/April) 2008, S. 20.
(2) Ebd. S. 21.
(3) Reemts, Christiana, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit. Die Auseinandersetzung zwischen Celsus und Origenes im Horizont der Postmoderne, in: EuA 75 (1999), 6 [ zit. Reemts, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit].
(4) Berhardt, R., Horizontüberschreitung. Die pluralistische Theologie der Religionen, Gütersloh 1991, 231.
(5) Schmidt-Leukel, Perry, Was will die pluralistische Religionstheologie? in: MThZ 49 (1998) 307-334; Ders., Das Pluralistische Modell in der Theologie der Religionen. Ein Literaturbericht, in: Theologische Revue 89 (1993) 353-364.
(6) Vgl. Guardini, Romano, Der Tod des Sokrates. Eine Interpretation der platonischen Schriften Euthyphron, Apologie, Kriton und Phaidon (5. Auflage; Erstveröffentlichung: 1943), Mainz-Paderborn 1987, 220 [zit. Sokrates (1987)].
(7) Zit. in Reemts, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, 7.

 


(1)
Bei der selbstverständlich erhobenen Toleranzforderung in westlichen Gesellschaften sind folgende Beobachtungen zu machen(*): Toleranz wird mit Indifferenz verwechselt, mit Gleichgültigkeit und vor allem mit dem Verlust echter Überzeugungen, welche von ihrem Wesen her mit Geltungs- bzw. Wahrheitsansprüchen verbunden sind. Jeder soll tun und lassen können, was er will. Menschliches Zusammenleben und individuelle Entfaltung sind aber nur möglich aufgrund von Minimalstandards an Gemeinsamkeiten, die nicht zur Disposition stehen; z.B. die Achtung vor der Freiheit und Integrität des anderen, der öffentliche Friede u.a.m.. Damit aber beginnt das Ringen um Wahrheit und Einsicht. Wo es keine Wahrheit gibt, jeder nur tut, was ihm beliebt oder seinen Interessen entgegen kommt, ist die Gemeinschaft gefährdet. Ein häufige Ansicht lautet: Was im einzelnen geglaubt wird, ist nicht so entscheidend. Hauptsache, dass ein Mensch sich für etwas einsetzt oder etwas glaubt! Verallgemeinerungen im Sinne dieser formalen Toleranz können mit Standardsätzen umschrieben werden wie "Wir glauben ja doch alle an denselben Gott!" "Alle Religionen führen zum gleichen Ziel" oder "Der gute Wille ist entscheidend!" Eine Auseinandersetzung über das, was wahr oder richtig ist, erübrigt sich und muss dann nicht mehr stattfinden. Das erscheint als Gewinn. Der Toleranzbegriff als solcher ist im Abendland emotional positiv besetzt. Selbst seine vulgärphilosophischen Varianten wie die eben genannten kommen überall gut an und finden allgemeine Zustimmung. Wo es keine Wahrheit mehr gibt, nichts als sicher, richtig oder falsch gelten darf, bleibt nur das Spiel der Interessen, die um die Vorherrschaft über die anderen ringen und dabei paradoxerweise immer unduldsamer, empfindlicher und aufgeregter auftreten. In Diskussionsforen werden alle Meinungen mehr oder weniger "tolerant" angehört, am Ende aber wird die Entscheidung im Sinne derer getroffen, welche die Mehrheit bzw. die Macht haben oder über eine starke Lobby verfügen. Das tolerante Anhörungsverfahren verschleiert die wahren Machtverhältnisse. Ein probates Mittel kaschierter Intoleranz besteht in den Denk- und Sprechverboten der politischen correctness, eine ganz üble und sehr aktuelle Form des Totalitarismus. Vertreter bestimmter Standpunkte werden nicht mit intellektuell redlichen, sachbezogenen Argumenten bekämpft, sondern mit emotional negativ besetzten Etiketten belegt. Wer eine klare Haltung einnimmt, gilt als "Fundamentalist". Kritische Wahrheiten und Fakten dürfen nicht beim Namen genannt werden. Beleidigtsein und aufgeregt zur Schau gestellte Entrüstung sollen die Anerkenntnis des eigenen Standpunkts einfachhin erzwingen oder missliebige Vertreter des anderen Denkens als für den politischen oder gesellschaftlichen Betrieb untragbare "Unpersonen" in die kalte Ecke stellen. Ganz offensichtlich darf diese Form der Unduldsamkeit, die sich vordergründig gerne aufgeklärt, liberal und pluralistisch gibt, nicht hingenommen werden. Es ist nötig, die Tiefe und Fülle des Toleranzbegriffs von seinen Wurzeln her wiederzugewinnen. Tolerant ist man gegenüber dem anderen Denken, wenn es weh tut.

(*) Vgl. Mayer, Rainer, Religion(en) und Toleranz, in: Theologische Beiträge 38 (2007) 119-133.


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