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Was ist das Gewissen?

Liebe Jugendliche,

es gibt in manchen Ländern Tendenzen, dass der Staat per Gesetzgebung den Christen Dinge vorschreiben will, die gegen ihr religiös gebildetes Gewissen gehen: dass zum Beispiel kirchliche Institutionen oder Gläubige Leistungen erbringen müssen, die gegen ihre religiösen Überzeugungen verstossen. Es gibt aber unbestritten den Grundsatz, dass niemand gezwungen werden darf, gegen sein Gewissen zu handeln. Der weltanschaulich neutrale Rechtsstaat hat darüber zu wachen, dass auch der religiöse Bürger nach seinem Gewissen leben, denken und handeln kann, so lange das nicht die öffentliche Ordnung, die Freiheit der anderen Bürger und die Gerechtigkeit verletzt. Auch darf niemand wegen seiner religiösen Überzeugungen diskriminiert werden. Das wäre z.B. der Fall, wenn eine junge angehende Ärztin in ihrer Ausbildung zur Gynäkologin blockiert würde, weil sie nicht bereit ist, an Abtreibungen mitzuwirken oder solche selbst durchzuführen. Auch können kirchliche Institutionen vom Staat nicht zu Leistungen oder zu Anstellungen von Personen gezwungen werden, die ihren religiösen Prinzipien diametral widersprechen.

Aber was ist das Gewissen? Im Gegensatz zum instinktgeleiteten Tier hat nur der Mensch dieses einzigartige Verhältnis zu sich selbst, das ihm erlaubt, über sich selbst und das eigene Handeln zu urteilen bzw. zu richten. Die Möglichkeit dazu ist angeboren und hat mit der Geistbegabung des Menschen zu tun. Sein Gewissen kann nicht endgültig zum Schweigen gebracht werden. Der Mensch findet sich paradoxerweise immer schon durch sein Gewissen in die Pflicht genommen. Es steht ihm nicht frei, ein Gewissen zu haben oder nicht. Jeder Mensch weiss: Das Gute ist zu tun, das Böse ist zu lassen! (= "Urgewissen"). Dahinter verbirgt sich die Wirklichkeit Gottes und die Bezogenheit des Menschen auf Gott als dem Mass aller Dinge. Deshalb kann das Gewissen sogar als eine Art inneres Gegenüber erlebt werden (Gewissensbiss). "Hinterher aber schlug David das Gewissen" (vgl. 1 Sam 24,6 u. 2 Sam 24,10). So gebietet dem Menschen sein Gewissen dieses zu tun oder jenes zu lassen (Gewissensspruch). Wir haben die Aufgabe, unser Gewissen zu bilden. Gott kann nicht irren. Das Gewissen aber kann trotz guten Willens irren. Deshalb muss es gebildet werden. Daran erkennen wir, dass das Gewissen nicht einfach 1:1 die Stimme Gottes im Menschen ist wie eine Art Bordcomputerstimme. Wenn das Gewissen ohne eigenes Verschulden irrt, verliert es seine Würde trotzdem nicht.

Wichtig ist das Prinzip: Man darf keinen Menschen zwingen, gegen sein Gewissen zu handeln. Und auch wir selbst sollen nie gegen unser Gewissen handeln oder eine Handlung unterlassen, selbst wenn wir dabei irren sollten (ohne es zu wissen).


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